Carrera

 
 
 
 
 
 

Die beiden schauen den Autos zu, die sich auf einer dunklen Bahn ein Kopf an Kopf rennen liefern. In ihren Händen befinden sich ein roter und ein blauer Controller, der in die eine und die andere Richtung gebogen wird. Die Carrera Bahn war ein Geschenk des Vaters an seinen Sohn, sie ist mindestens 25 Jahre alt und jetzt sitzt das längst erwachsene Kind mit seinem eigenen Sohn in diesem engen und stickigen Raum und erlebt seine Kindheit neu. 

Sie haben heute zwei Stunden Zeit. So gibt es der richterliche Beschluss her, den die Mutter vor einem Jahr über das Jugendamt erwirkt hat. “Paß auf, gleich hab ich Dich”, ruft der Junge und bewegt sein rotes Rennfahrzeug geschickt von der einen Spur auf die andere. Er hat dabei die Zunge im linken Mundwinkel etwas nach oben gestreckt. Er ist angespannt und konzentriert, hat aber gleichzeitig ein Lächeln im Gesicht, was den Vater glücklich macht. Der Vater könnte ihm so stundenlang zusehen, aber das ist eine Träumerei, der er sich nicht hingeben will.

Der Wohnwagen in dem sie sitzen ist Teil der Lösung und Teil des Problems. Vor einem halben Jahr hat der Vater seine Arbeit verloren. Eine unbeherrschte Auseinandersetzung in der Agentur, in der er seit vielen Jahren arbeitete, brachte ihm eine fristlose Kündigung ein. Dann begann die Corona-Pandemie und er fand keine neue Arbeit mehr. Mit jedem Tag der Suche nach einer Anstellung wurde ihm bewußter, dass seine Qualifikation scheinbar nicht mehr gefragt war. Später hatte sich für ihn eine zweite Wahrheit herauskristallisiert: er war nicht mehr davon überzeugt, dass er einen Großteil seiner Zeit in modernen, sterilen Bürotürmen sitzen und monotonen Tätigkeiten nachgehen wollte. 

Seine Familie hatte er vor drei Jahren verloren. Dann verschwand seine Arbeit, seine Wohnung, Freunde und Bekannte, sein bisheriges Leben. Er hatte sich mit den letzten Ersparnissen ein Wohnmobil gekauft. Das fühlte sich zunächst wie ein Abenteuer an, nach kurzer Zeit aber nur noch hilflos. Mit dieser Art der Unterkunft hatte er keinen permanenten Wohnsitz und konnte seinen Sohn nur unregelmäßig sehen. Er war aus der einen Welt ausgebrochen und in eine andere eingetaucht, aber ob sie besser war, vermochte er nicht zu sagen. 

“Willst Du noch eine Limo?”, fragte er seinen Sohn und öffnet ein Seitenfenster vom Campingmobil. Draußen regnet es in Strömen. Die Carrera Bahn hatte er als Notlösung in dem engen Reisegefährt aufgebaut, damit sie sich wenigstens im Trockenen beschäftigen konnten. Er hatte sie mit kleinen Hilfsmitteln einmal quer durch das Wohnmobil verlegt, über die Anrichte, auf einem Karton unter dem Tisch hindurch, von der rechten zur linken Sitzbank, von dort zurück nach vorne zur Fahrerkabine. Die Konstruktion war nicht sonderlich stabil und nahm viel Platz weg, aber sie haben ihren Spaß. Nachher muss er sie wieder abbauen, damit er sich im Innenraum bewegen kann. Sein Leben ist ein Provisorium, viel länger schon als er dachte. 

“Ja, klar!”, sagte sein Sohn ohne ihn anzublicken und schiebt unvermittelt nach: “Wie lange willst Du denn in diesem Wohnmobil leben?”. Das war für beide eine wichtige Frage, aber er konnte sie nicht beantworten. Er öffnete den kleinen Kühlschrank und nahm zwei Flaschen heraus. “Bis ich wieder weiss, was wichtig ist im Leben”. Er biss sich auf die Lippe, da er seinem Sohn nicht das Gefühl geben wollte, dass er betrübt oder seine Situation aussichtslos war, aber es war die Wahrheit. Kinder, denen es so einfach fällt, die Wahrheit auszusprechen, mussten auch lernen, sie von jemand anderem zu erfahren.

Das Smartphone des Vaters vibriert. Er wirft einen flüchtigen Blick auf das Display und liest: “Erinnerung: frag ihn, wo er leben will!”. Er hatte seit Wochen darüber nachgedacht, wie schön es wäre, mit seinem Sohn mehr Zeit zu verbringen. Mehrmals hatte er einen Traum gehabt, in dem sie sich auf einer gemeinsamen Reise befanden. Das Ziel war unklar, aber sie waren jeden Tag unterwegs. Sie besuchten Städte, in denen sie nie gewesen waren, trafen Menschen, die sie nicht kannten, liefen über Strände, die endlos waren. Am Abend kochten sie zusammen, saßen im Freien oder schauten zusammen einen Film. Dafür war nie Zeit gewesen und jetzt wollte er diese Erlebnisse nachholen. 

Sie hatten nur noch wenige Minuten bis zur Übergabe. Die Mutter war sicher schon unterwegs. Sie hatte ihn gebeten zusammen Hausaufgaben zu machen, aber es gab heute Wichtigeres zu tun. Ihn verließ der Mut. Was wäre, wenn sein Sohn ihn ablehnte, sich für die Mutter entschied, die Zeit mit ihm nur als Ablenkung begriff und nicht das Bedürfnis hatte, seinen Vater besser kennenzulernen und zu verstehen. Hatte er das Recht eine Entscheidung zu erzwingen? War es der richtige Zeitpunkt?

Sie schauten sich kurz an, dann wischte der Junge sich reflexhaft die Haare seines zu langen Ponys aus dem Gesicht. Jetzt erkannte er sich in ihm wieder. Er sah ihm nicht nur ähnlich, er hatte auch dieselbe Mimik, die gleiche Konstitution, war schlaksig in seinen Bewegungen und wirkte etwas unbeholfen. Und da kam plötzlich ein Gefühl der Sicherheit auf, für den Vater und auch für seinen Sohn, dass es keine Rolle spielte, dass er arbeitslos war, in einem Wohnmobil lebte und keine gute Idee hatte, wie es weitergehen sollte. “Du hast fast alle Rennen gewonnen, so wir früher”, sagte der Sohn und schaute seinen Vater mit klarem Blick an, “als ob das nichts ist”. Dann hörten sie das dumpfe Dröhnen einer Autohupe.